Sonntagswort: Alles unter Kontrolle?

veröffentlicht 25.10.2026 von Pfarrer Julian Lezuo, Evangelisches Dekanat Wetterau

Pfarrer Julian Lezuo, Evangelische Auferstehungsgemeinde Bad Vilbel, denkt in seinem Impuls darüber nach, was wir kontrollieren können - und wo es besser ist, dass wir das nicht können.

Es gibt Dinge in unserem Leben, die können wir nicht kontrollieren. Und man muss sagen: Zum Glück! Zumindest aus medizinischer Sicht. Könnten wir die meisten Prozesse in unserem Körper kontrollieren, würde nichts funktionieren. Atmung, Herzschlag und Verdauung steuert nämlich das sogenannte vegetative Nervensystem. Andere Vorgänge – etwa Reaktionen auf Umweltreize oder die Bewegung unserer Muskeln – können wir bewusst beeinflussen. Einerseits haben wir unseren Körper also unter Kontrolle, andererseits nicht. Und das ist gut so.

Ich finde das interessant, weil ich glaube, dass wir oft völlig anders agieren als unser Körper. In unserem Leben wollen wir möglichst viel bewusst steuern und optimieren. Wenn uns das einmal nicht gelingt oder unser System durch außergewöhnliche Ereignisse aus der Bahn geworfen wird, geraten wir in Stress. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir Menschen uns dann ohnmächtig vorkommen, weil wir doch lieber diejenigen sind, die alles in der Hand haben.

Im Neuen Testament erzählt Jesus ein Gleichnis, das vom Umgang mit dieser Ohnmacht und menschlichen Kontrollzwängen handelt. Er erzählt von einem Bauern, der seine Saat aufs Feld bringt und sich tagein, tagaus schlafen legt. Trotzdem geht die Saat zunächst auf, wächst dann heran und bringt schließlich Frucht. Der Mensch tut nichts dazu, und trotzdem entsteht etwas. So wirkt Gott in dieser Welt, sagt Jesus.

Mich befreien diese Worte gedanklich. So wie das Herz in meinem Körper von selbst schlägt, durchzieht Gottes Lebensatem diese Welt. Manches geschieht im Stillen, wenn wir uns selbst und andere lassen: etwa, dass aus Trauer Dankbarkeit für das gemeinsame Leben erwächst, dass die Generation nach uns ihren Weg findet oder dass wir unsere alltäglichen Ziele erreichen, ohne uns dabei den Herzbändel abzureißen. Wie der Körper muss auch unsere Seele nicht alles steuern. Es ist gesund, manches, aber nicht alles in der Hand zu behalten. Vertrauen gehört vermutlich ebenso zum Leben wie Kontrolle.