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Musik - eine Kraft, die stärkt, tröstet und heilt

Liebe Freundinnen und Freunde des Geistlichen Zentrums,

neulich hatte ich die Gelegenheit, das Bachhaus in Eisenach zu besuchen. Ein großer moderner Gebäudekomplex mitten in der Stadt, der an das Geburtshaus des großartigen und berühmten Komponisten Johann Sebastian Bach anschließt.

Eigentlich interessierte mich am meisten die Sammlung von fast 150 historischen Blechblasinstrumenten, die im Museum ausgestellt sind. Tolle Unikate sind dort tatsächlich versammelt, und wenn Sie Lust und Zeit haben, können Sie Ihre Suchmaschine mal nach einer „Katholischen Trompete“ fragen. Die kannte ich auch noch nicht.

Was mich aber bleibend und tief berührt hat, war etwas ganz anderes. Im größten Raum des alten Bachhauses ist so etwas wie ein kleiner Konzertsaal eingerichtet mit etwa 30 Plätzen. Vorne im Raum stehen fünf Tasteninstrumente aus der Ära von Bach – Cembalo, Klavier-artiges, zwei kleine Orgeln – und einmal in der Stunde spielt ein Mitarbeiter des Museums ein kleines Konzert auf den Instrumenten mit kurzen Werken des großen Komponisten.

Das alles wusste ich und saß also zusammen mit den anderen vier Mithörenden an diesem Morgen in der ersten Reihe, gespannt und erwartungsvoll. Und der Musiker setzt sich an die kleinere der beiden Orgeln und beginnt zu spielen: ein Choral ist es, leise spielt er, ich erkenne die typischen Harmonien Bachs, auch wenn sie in dieser Version vergleichsweise schlicht sind. Und schlagartig durchfährt es mich tief und hoch und nach allen Seiten, ich bin gar nicht mehr in diesem Raum. Etwas öffnet sich über mir, was mich in diesem Moment verbindet mit etwas, das viel größer ist, als ich es bin. Ich höre die Klänge und spüre eine Kraft, die größer ist als alles, was ich kenne. Ich bin so überwältigt, dass mir die Tränen übers Gesicht laufen.

Den Choral habe ich übrigens nicht ge- oder erkannt. Und an die vier anderen Stücke auf den übrigen Instrumenten kann ich mich kaum erinnern.

Wieder zuhause dachte ich viel an den Propheten Elia, von dem erzählt wird, wie er am Berg Horeb auf Gott wartete und fest davon ausging, dass Gottes Auftritt laut und gewaltig sein wird. Und was erlebte Elia? Ja, Gott kommt, aber ganz anders als erwartet. Nämlich völlig überraschend für ihn - leise. In einem Säuseln. Wobei das im Deutschen fast noch zu groß klingt. Das hebräische Original meint eher „einen Hauch von einem Nichts.“ (vgl. 1. Könige 19, 12)

Noch mehr dachte ich an König Saul, der im Harfenspiel des jungen David Linderung für seine Depressionserkrankung erfuhr. Ich lerne: in Musik liegt eine große Kraft, die Menschen stärkt, tröstet und heilt. Davon erzählen viele Psalmen, davon erzählen viele Menschen, ich erzähle das auch. Hier komme ich in engen Kontakt mit meinem Schöpfer. Ohne ihn zu sehen, spüre ich ihn ganz nah. Das ereignet sich nicht immer, manchmal aber schon.

Am meisten dachte ich daran, dass von solchen tiefen Begegnungen durch Musik aus allen Teilen unserer Erde berichtet wird. Ich freue mich, dass ich mit meinem christlich-jüdischen Hintergrund meine Gotteserfahrungen machen darf mit der geistlichen Musik, die wir haben, die uns überliefert wurde. Und auch mit nicht-geistlicher Musik sind solche überraschenden Erlebnisse möglich: Klassische Musik, Jazz, Rock und auch der schmelzende Klang von Flügelhörnern in der Böhmischen Blasmusik können den Himmel öffnen.

Und ich freue mich, dass auch Menschen in ganz anderen Religionen und Kulturen ähnliche Erfahrungen machen mit ihrer Musik.

Der kommende Sonntag heißt nach alter kirchlicher Tradition „Kantate“, „Singet!“. An diesem Tag, das ganze Frühjahr hindurch und allezeit wünsche ich Ihnen solche überraschenden, tröstlichen und heilsamen Begegnungen mit Musik

herzlichst Ihr
Jörg Fröhlich, Pfarrer 
Mitglied im Arbeitskreis am Geistlichen Zentrum