Geistlicher Impuls
Liebe Freundinnen und Freunde des Geistlichen Zentrums,
mit der Passionszeit beginnt eine besondere Zeit des Innehaltens, eine geistliche Wegstrecke. Vierzig Tage dauert sie. In der Bibel steht die Zahl Vierzig für Übergang, Prüfung und Läuterung. Vierzig Jahre wandert das Volk Israel durch die Wüste und wird dort zum Gottesvolk. Vierzig Tage bleibt Mose auf dem Sinai und empfängt das Gesetz. Und vierzig Tage bleibt Jesus in der Wüste, zu Beginn seines Wirkens. In der Bibel ist die Wüste mehr als eine Landschaft, sie ist ein theologischer Raum. Sie nimmt Sicherheiten, reduziert auf das Wesentliche und legt frei, wovon der Mensch wirklich lebt. In der Wüste wird deutlich: Leben ist Gabe, nicht Besitz.
Jesus wird unmittelbar nach seiner Taufe „vom Geist“ in die Wüste geführt. Das ist kein Zufall; die Wüste gehört zum Heilsweg Gottes. Der Geist, der bei der Taufe bezeugt „Du bist mein geliebter Sohn“, führt danach diesen Sohn in die Erfahrung radikaler Bedürftigkeit. Vierzig Tage fastet Jesus. Wo das Volk Israel in der Wüste murrte und Gott misstraute, da lebt Jesus aus Gehorsam und Hingabe. Dort wird Jesus versucht (Matthäus 4,1–11). Die Versuchungen zielen auf den Kern seiner Sendung: Wird er seine Sohnschaft zur Selbstbehauptung gebrauchen und Macht ergreifen? Aber Jesus antwortet nicht mit Macht, sondern mit der Schrift, „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Jesus verweist auf das Wort Gottes und darin zeigt sich, wer er ist: er lebt aus der Bezogenheit auf den Vater und Hingabe. Dreimal tritt der Versucher an ihn heran. Dreimal widersteht Jesus. Beim dritten Mal ruft er: „Weg mit dir, Satan!“. In dieser Wüstenzeit scheint sich bereits Entscheidendes zu klären. Der Widersacher weicht. Jesu Vertrauen auf Gott bleibt standhaft. Und es bleibt nicht unbeantwortet: Engel kommen und dienen ihm. Vielleicht entsteht hier schon in dieser Wüstenauseinandersetzung jene innere Kraft, die Jesus seinen Weg gehen lässt, bis ans Kreuz. Und die ihn auch dort am Ende voller Hingabe und Vertrauen zum Vater beten lässt: „In deine Hände befehle ich meinen Geist“. Schließlich war es der Geist Gottes selbst, der ihn in die Wüste geführt hatte - und später auch durch das Leid trägt.
Die Wüste und das Kreuz gehören zusammen, beides sind Orte der Entäußerung und darin Orte der Offenbarung. In der Passionszeit lassen wir uns hineinnehmen in diesen Weg, Jesu Weg von der Taufe über die Wüste bis zum Kreuz, ein Weg durch die Tiefe, bis zur Auferstehung.
Wenn wir dabei „fasten“ ist das im evangelischen Verständnis keine asketische Leistung, sondern geistliche Übung. Verzicht unterbricht Gewohnheiten und schafft einen Raum, in dem wir empfänglich werden für Gottes Gegenwart. Die Wüste wird uns zum Bild unserer inneren Räume, vielleicht Zeiten der Unsicherheit, der Leere: doch gerade hier kann Gottes Nähe erfahrbar werden.
Wenn wir verzichten, erkennen wir: wir sind Geschöpfe, wir leben nicht aus uns selbst. Wir sind angewiesen auf Gottes Zuspruch. Diese vierzig Tage führen uns in das Bewusstsein unserer Zerbrechlichkeit und zugleich in das Vertrauen auf Christus, der der unsere Versuchungen kennt. Der Geist, der Jesus in die Wüste führte, wirkt auch in uns. Und er führt nicht aus der Welt heraus, sondern in eine tiefere Wirklichkeit hinein: in die Gemeinschaft mit Christus, dem Auferstandenen.
Schon in der Wüste leuchtet unscheinbar das Licht der kommenden Herrlichkeit. Denn wo Vertrauen bleibt, da ist Gott gegenwärtig. Ostern ist die verborgene Verheißung, die den ganzen Weg durchzieht. Und so leuchtet das Licht der Auferstehung schon jetzt in unsere Gegenwart hinein. Es ist die Hoffnung auf neues Leben, die Verheißung der Fülle, schon jetzt.
Ihre Inge Cahn von Seelen
Pfarrerin und Referentin im Bereich von Segnungen am Geistlichen Zentrum Nieder-Weisel