Wo war er all die Zeit?
Das kann man sich fragen, wenn man auf die Biografie von Jesus blickt. Aufmerksame Bibelleser zählen ein bis maximal drei Jahre, in denen Jesus öffentlich gewirkt hat. In denen er Jünger um sich geschart, Wunder gewirkt, geheilt und das Reich Gottes verkündet hat. Um schließlich am Kreuz zu sterben und durch Gott von den Toten auferweckt zu werden. So kennt die Welt diesen Jesus.
Doch das macht rechnerisch nur zwischen 3 und 9 % seiner gesamten Lebensspanne aus. Oder wenn man es anders betrachtet: Zwischen 91 und 97 % des Lebens Jesu kommen in der Bibel gar nicht oder nur in winzigen Schlaglichtern zur Sprache. Etwa die Geschichte seiner Geburt. War er ein braver Schüler? Hat er gerne als junger Mann mit seinem Vater als Zimmermann gearbeitet? Mit wem und wie hat er gelebt, ehe er in die Öffentlichkeit trat? Alles Dinge, die man in der Regenbogenpresse sicher breittreten würden, wäre Jesus ein Mensch unserer Zeit.
Vielleicht wäre es spannend zu erfahren, wer oder was Jesus abseits der Schilderungen im Neuen Testament war oder für uns sein könnte. Ich stelle mir vor, dass es wahrscheinlich eher uninteressant wäre, das zu wissen. Die Füße, die einst über Wasser gehen, stapfen viele Jahre durch den Staub und Schmutz der galiläischen Baustellen. Die Hände, die einst Wunder wirken werden, brechen das tägliche Brot wie jede andere Hand. Die Augen, die einst leuchten, bei der Predigt vom Reich Gottes, spiegeln all die Jahre vorher den grauen Trott des Alltags wider.
Und ich frage mich bei diesen Gedanken: Sollte ich mein Leben nicht viel mehr auf diese Weise betrachten? Vielleicht ist die Zeit des Heranreifens genauso wichtig wie die der Ernte. Vielleicht zeugt der Funke, der verhalten glimmt, schon von der Kraft eines lodernden Feuers. Vielleicht würde es guttun, dem Gedeihen mehr Zeit in meinem Leben einzuräumen und mein Leben nicht nur danach zu bewerten, was auf kurze Sicht dabei herumkommen könnte. Dann würde es mir sicher auch leichter fallen, mich auf Gottes Weitsicht, anstatt auf meinen engen Blick zu verlassen.
Pfarrer Julian Lezuo,
Evangelische Auferstehungsgemeinde Bad Vilbel