Viele Hände, viele Handschriften, viele Geschichten: Prisoners's Psalter Project in der JVA Butzbach

veröffentlicht 12.06.2026 von Anna-Luisa Hortien, Evangelisches Dekanat Wetterau

Jeder Psalm trägt eine andere Handschrift, jede Seite erzählt ihre eigene Geschichte. In der Justizvollzugsanstalt Butzbach haben Gefangene die 150 Psalmen der Bibel von Hand abgeschrieben. Daraus ist das „Prisoner’s Psalter Project“ entstanden: ein außergewöhnliches Buch, das die handgeschriebenen Texte bündelt. Begleitet und koordiniert wurde das Projekt von der evangelischen Gefängnisseelsorgerin und Pfarrerin Julia Held.

Die Psalmen erzählen von Leid und Freude, Angst, Trauer oder Hoffnung. Vielen Menschen spenden sie Trost und Zuversicht. Das ist auch der Grund, weshalb Pfarrerin Julia Held einem Gefangenen in einem persönlichen Seelsorge-Gespräch empfahl, einen Psalm abzuschreiben. Die Erfahrung berührte ihn – und sprach sich herum. Bald fragten weitere Inhaftierte nach Psalmen, die ihnen Halt geben konnten. Im evangelischen Gesprächskreis, bei dem sich unter Leitung von Julia Held jeden Donnerstag eine kleine Gruppe von Männern trifft, entstand die Idee, die Abschriften in einem Buch zu sammeln.

Bei Mareike Knappik, Leiterin der JVA Butzbach, stieß das Vorhaben auf offene Ohren: „Ich fand die Initiative toll, und es war direkt klar, dass wir das unterstützen.“ 

Indivduelle Abschriften

Entstanden ist daraus ein Buch so individuell wie die Geschichte jedes Inhaftierten selbst. Die Buchstaben sind groß oder klein, farbig oder schwarz, kursiv oder ganz gerade. Geschrieben mit Kugelschreiber, mit Bleistift, mit Hingabe, mit Stolz. Manche haben zu ihren Texten Bilder gemalt oder die Seiten besonders verziert. Andere haben Worte durchgestrichen und noch einmal von vorne angefangen. Manche schrieben einen, andere fünf Psalmen. Alle haben Spuren hinterlassen.

Psalmen mehrfach eingereicht

Insgesamt beteiligten sich 110 Gefangene an dem Projekt. Besonders beliebte Psalmen wurden sogar mehrfach eingereicht. Am Ende waren rund 300 Blätter zusammengekommen, die gesichtet und sortiert werden mussten. „Ohne das Engagement des Gesprächskreises wäre dieses Ergebnis nicht möglich gewesen“, sagt Julia Held über das entstandene Buch. Die Männer arbeiteten mit großer Sorgfalt und Geduld - und ohne technische Hilfsmittel - an dem Projekt, erstellten Listen und Tabellen. Bei Texten, mit denen die Gruppe nicht zufrieden war, wurde die entsprechende Person gebeten, noch einmal nachzuarbeiten. Einige Psalmen waren weniger gefragt als andere. Dennoch fand sich am Ende für jeden Text ein Freiwilliger. „Man hätte ihn ja auch einfach weglassen können. Aber dafür war die Gruppe zu engagiert und auf ein vollendetes Ergebnis bedacht“, so Julia Held. „Da ich verschiedene Bibelübersetzungen an die Männer herausgegeben hatte, mussten wir bei vielen der Texte noch einmal überprüfen, um welche Übersetzung es sich handelt. Damit haben wir ganze Nachmittage verbracht.“

Die einzelnen Seiten wurden schließlich von der JVA Darmstadt digitalisiert, das Buch am Computer zusammengesetzt und gedruckt. 

Titelbild mit Kreuz und Gefängnis

Das Titelbild ist der Kreativität eines Einzelnen zu verdanken: „Wir wollten beides darin unterbringen: das Kreuz und aber auch das Gefängnis“, erzählt der Inhaftierte über die Gestaltungsidee. Er ist begeistert von dem Projekt und hat sehr gerne daran mitgearbeitet, auch wenn gerade die Phase der Endredaktion sehr anstrengend war. „Am Ende haben wir das nur als Gruppe geschafft, was im Gefängnis nicht selbstverständlich ist“, erzählt er. „Jeder hat seinen Teil dazu beigetragen und seine Fähigkeiten eingebracht.“ 

Er ist froh, dass es ein evangelisches Seelsorgeangebot in der JVA Butzbach gibt und betont das auch mehrfach. „Es ist ein kleines Licht der Hoffnung.“ Neben dem Gesprächskreis werden regelmäßig Gottesdienste gefeiert und Pfarrerin Julia Held führt viele Einzelgespräche. 

Große Nachfrage

Von der ersten Idee bis zum Druck des Buches hat es rund zweieinhalb Jahre gedauert. „Ich wurde oft und mehrfach gefragt, wann das Buch denn nun endlich kommt. Das zeigt mir, dass es für die Gefangenen eine Bedeutung hat“, sagt Julia Held. Leiterin Mareike Knappik kümmerte sich mit vielen Telefonaten darum, dass alle Gefangenen, die mitgewirkt hatten, ein gedrucktes Exemplar des Buches erhielten, auch wenn sie schon entlassen oder verlegt worden waren.

„Natürlich lässt sich nicht für jeden Gefangenen sagen, was in ihm vor ging, als er den Text abgeschrieben hat“, sagt der Inhaftierte aus dem Evangelischen Gesprächskreis. „Aber das Ergebnis zeigt, dass sich alle beim Abschreiben Mühe gegeben und Zeit genommen haben. Fast alle haben ihren Psalm noch in irgendeiner Weise kreativ ausgestaltet. Daraus schließe ich, dass sie sich auch mit dem Text auseinandergesetzt haben. Sie konnten sich den Psalm ja auch frei aussuchen.“  

Exemplare für Kirchengemeinden

Das Original des Buches liegt in der Kirche der JVA aus. Der Rest geht auf Wanderschaft. Auch die Kirchengemeinden des evangelischen Dekanats Wetterau haben ein Exemplar bekommen. 

Dekan Volkhard Guth wünscht sich, dass die ein oder andere Psalmlesung in den Sonntagsgottesdiensten aus diesem Buch gehalten wird. „Dies ist ein kleines Zeichen der Verbundenheit mit Häftlingen - Menschen, die wir in unserem Alltag nicht sehen, und die doch ganz in unsere Nähe leben.“ Der Dekan, der selbst hin und wieder in der JVA Gottesdienst hält, weiß aus Gesprächen, wie wichtig es den Insassen ist zu wissen, dass sie nicht vergessen sind. 

Erhältlich über Zentrum

Pfarrerin Julia Held dankt im Vorwort allen Beteiligten „für das stille Engagement. Für den Mut, ein Stück Bibel in der eigenen Handschrift zu zeigen.“ Um das zu würdigen, wurde eine hochwertige Hardcover-Ausgabe des Buchs gedruckt. Weitere Exemplare können als Softcover über das Zentrum Seelsorge und Beratung der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau bestellt werden (per E-Mail an: zsb@ekhn.de).